Trajektorie
Die Bahn, die ein System durch die Zeit zurücklegt: die Route über die Karte.
Eine Trajektorie ist die geordnete Abfolge von Zuständen, die ein System im Lauf der Zeit durchläuft. Sie ist, mit anderen Worten, eine bestimmte Verlaufsstruktur: die Bahn, die das System durch seinen Phasenraum zieht.
Die Zustände werden durch die Variablen bestimmt, mit denen das System beschrieben wird. Verwendet man diese Variablen als Achsen eines Phasenraums, lässt sich die Trajektorie in diesen Raum einbetten und als Linie sichtbar machen. Während der Phasenraum alle denkbaren Zustände enthält, zeigt die Trajektorie, welche Zustände das System tatsächlich angenommen hat, und damit etwas von seiner Geschichte.
Die Form eines Verlaufs
Es lohnt sich, bei dem zu verweilen, was eine Trajektorie sichtbar machen kann. Eine Bahn, die um einen festen Punkt kreist, weist auf ein stabiles Gleichgewicht hin; eine Bahn, die sich in einer Schleife wiederholt, auf einen Rhythmus oder Zyklus; eine Bahn, die nie genau denselben Weg nimmt und dennoch innerhalb eines begrenzten Gebiets bleibt, auf Chaos im strengen Sinn. Die Form des Verlaufs trägt so Information, die sich aus einzelnen Momentaufnahmen nicht ablesen lässt.
Für die Behandlungspraxis schließt dies eng an das idiografische Denken an, in dem es nicht um die durchschnittliche Patientin oder den durchschnittlichen Patienten geht, sondern um diese eine Person und die Bahn, die sie durch die Zeit zurücklegt. Zwei Menschen mit derselben Diagnose können sehr unterschiedliche Trajektorien beschreiben, und unserem Eindruck nach enthält gerade diese Bahn oft mehr behandlungsrelevante Information als ein einzelner Wert.