Dissipation
Warum Ordnung Energie kostet, und warum lebende Systeme offen sein müssen, um fortbestehen zu können.
Mit Dissipation sind der Durchfluss und der Verbrauch von Energie gemeint, mit denen ein System seine Ordnung aufrechterhält. Ein dissipatives System muss, um geordnet zu bleiben, fortwährend Energie aufnehmen, umwandeln und wieder abgeben.
Das scheint auf den ersten Blick ein Paradox. Nach dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik neigen isolierte Systeme von selbst zur Unordnung. Wie kann ein Lebewesen dann seine hochgeordnete Form bewahren? Die Antwort lautet, dass ein Lebewesen kein isoliertes System ist. Selbstorganisation setzt zwar Systeme voraus, die operativ geschlossen sind (und das gilt im Grunde für alle Systeme), die aber für Energie und Anregung gerade offen sind. Den Durchfluss und Verbrauch von Energie in einem solchen thermodynamisch offenen System nennen wir Dissipation. Eine Kerzenflamme, ein Wirbelwind und eine Zelle verdanken ihre beständige Form alle drei einem fortwährenden Strom, der durch sie hindurchgeht.
Offen bleiben, um bestehen zu können
Für die Psychologie liegt hier eine erhellende Analogie, wobei wir gern betonen, dass es sich um eine Analogie handelt und nicht um einen Beweis. Ein Mensch erhält seine psychische Organisation nicht in Abgeschiedenheit aufrecht, sondern durch einen fortwährenden Austausch mit seiner Umgebung: Kontakt, Bedeutung, Anregung und Ruhe. Fällt dieser Austausch weg, wird es schwieriger, Form zu bewahren. Umgekehrt ist ein gewisses Maß an Energie, in Form von Aktivierung, Motivation oder Engagement, oft eine Voraussetzung dafür, dass eine neue Ordnung entsteht.
So erinnert uns der Begriff daran, dass Stabilität in lebenden Systemen nichts Statisches hat. Was standhält, tut dies dank Bewegung. Eine Patientin oder ein Patient, die oder der „feststeckt“, steht unserem Eindruck nach selten wirklich still; häufiger erhält sich eine kostspielige, viel Energie beanspruchende Ordnung mit Mühe selbst aufrecht. Veränderung verlangt dann eher nach anderen Bedingungen, unter denen sich die Energie anders organisieren kann, als nach mehr Ruhe.