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Frühe Warnsignale

Wie ein System ankündigen kann, dass es kurz vor dem Kippen steht, und warum es zwei Arten gibt, darauf zu schauen.

Einer der bemerkenswerten Befunde der Komplexitätsforschung der letzten Jahrzehnte ist, dass Systeme sich offenbar ankündigen, bevor sie kippen. Kurz vor einem Übergang verändert sich etwas in der Art, wie sich ein System bewegt. Diese Veränderung ist subtil, aber in einer Zeitreihe möglicherweise messbar.

In der Literatur werden zwei Familien früher Warnsignale beschrieben. Sie werden nicht selten verwechselt, obwohl sie auf unterschiedlichen Annahmen darüber, mit welcher Art von System man es zu tun hat, ausgehen. Für alle, die Psychotherapie anbieten, ist diese Unterscheidung mehr als eine akademische Frage, weil sie bestimmt, worauf man achtet.

Critical Slowing Down

Der Begriff Critical Slowing Down stammt aus der Ökologie und der Klimaforschung (Scheffer et al., 2009). Er geht von einem System in einem stabilen Gleichgewicht aus, das langsam an Resilienz verliert, weil sich eine äußere Bedingung allmählich verändert. Ein Beispiel ist ein klarer See, in dem sich Jahr für Jahr Nährstoffe anreichern, bis das Wasser eines Tages trüb wird.

Kurz vor einem solchen Kipppunkt erholt sich das System immer langsamer von kleinen Störungen. In einer Zeitreihe zeigt sich das als:

  • Zunehmende Autokorrelation: der Wert zu einem Zeitpunkt ähnelt immer mehr dem des vorherigen Zeitpunkts, weil sich das System langsamer erholt
  • Zunehmende Varianz: die Schwankungen um den Mittelwert werden größer
  • Stärkerer Zusammenhang zwischen Variablen, die sich zuvor relativ unabhängig bewegten

In der psychischen Gesundheitsversorgung wurde dies vor allem bei Depression untersucht, insbesondere von der Gruppe um Marieke Wichers in Groningen (van de Leemput et al., 2014; Wichers et al., 2020). Die Ergebnisse sind gemischt. In neueren Studien gingen diese Signale nur etwa einem Drittel der Rückfälle voraus (Smit et al., 2025), und die Forschenden selbst plädieren für Vorsicht, bevor die Methode in der Klinik eingesetzt wird (Helmich et al., 2024).

Kritische Fluktuationen

Die Synergetik, die Theorie von Hermann Haken, die Günter Schiepek auf die Psychotherapie übertragen hat, betrachtet Veränderung auf andere Weise. Ein Mensch in Therapie wird hier nicht als System in Ruhe aufgefasst, sondern als offenes System fern vom Gleichgewicht, das fortwährend in Bewegung gehalten wird: durch die Therapie, durch Beziehungen und durch das, was im Leben geschieht. Veränderung ist in dieser Perspektive kein langsames Abgleiten aus einem Gleichgewicht, sondern ein selbstorganisierter Übergang von einem Muster zum anderen.

Einem solchen Übergang geht dann keine Verlangsamung voraus, sondern gerade zunehmende Instabilität: stärkere und unregelmäßigere Schwankungen, die einen größeren Teil der möglichen Werte abdecken. Das alte Muster verliert seinen Halt, während sich das neue noch nicht gebildet hat. Im Synergetic Navigation System wird dies gemessen als dynamische Komplexität. Bei Patientinnen und Patienten mit affektiven Störungen zeigte sich, dass solche kritischen Fluktuationen plötzlichen Verbesserungen und Verschlechterungen in der Behandlung vorausgingen (Olthof et al., 2020; Schiepek & Strunk, 2010).

Warum die Unterscheidung wichtig ist

Beide Ansätze sagen Unruhe vor einem Übergang voraus, aber aus unterschiedlichen Gründen und mit unterschiedlichen Maßen. Critical Slowing Down setzt ein System nahe am Gleichgewicht, eine sich langsam verändernde Umgebung und lange, stabile Zeitreihen voraus. Diese Bedingungen erfüllt eine Psychotherapie selten: Die Umstände verändern sich ständig mit, und die Zeitreihen sind kurz (Schiepek et al., 2020). Wer die Annahmen des einen Modells auf ein System anwendet, das sich nach dem anderen verhält, läuft Gefahr, nach den falschen Signalen zu suchen.

Was das im Sprechzimmer bedeutet

Wenn eine Patientin oder ein Patient wechselhafter wird und Stimmung und Beschwerden stärker hin und her gehen, bedeutet das nicht unbedingt eine Verschlechterung. Es kann ein Zeichen dafür sein, dass sich das System neu organisiert (siehe auch kritische Instabilität). Gerade in einer solchen Phase kann eine Intervention mehr bewirken als sonst. Das spricht eher für Aufmerksamkeit und dafür, gemeinsam mit der Patientin oder dem Patienten auf das zu schauen, was geschieht, als dafür, die Unruhe möglichst schnell zu dämpfen.

Dabei geht es nicht darum, die Zukunft vorherzusagen, denn dafür ist ein Mensch zu komplex, sondern darum, feinfühliger zu werden für die Momente, in denen Veränderung möglich wird.